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Experten beschäftigen sich mit Zwangserkrankungen und Zwangsmaßnahmen

26.11.2018

Foto (Vitos Herborn): Sie referierten bei der Veranstaltung: Prof. Dr. Matthias Wildermuth (Ärztlicher Direktor), Anna Sant’Unione (Ärztin f. Kinder- und Jugendpsychiatrie in Wuppertal), Norman Faßbender (Funktionsoberarzt), Nicole Wehrum (Ärztin) und Dr. Christoph Andreis (Leitender Arzt).

Herborn, 26. November 2018 / Das 39. Arbeits- und Begegnungsforum der Vitos Klinik Rehberg widmete sich dem Thema „Zwang“ aus unterschiedlichen Perspektiven. So standen im Fokus sowohl Zwangserkrankungen von Kindern und Jugendlichen als auch der Aspekt der Zwangsausübung in der Behandlung. Rund 200 Fachleute beschäftigen sich in Herborn diesen Inhalten.

„Zwänge sind behandlungsbedürftige und oftmals langwierige Erkrankungen“, erklärt der Klinikdirektor der Vitos Klinik Rehberg, Prof. Dr. Matthias Wildermuth, „denn sie bedeuten für die Betroffenen eine große Last.“ Die Ursachen seien sehr unterschiedlicher Natur und es gäbe eine Vielzahl von Gründen, warum Zwänge entstünden. Häufige Zwangssymptome seien Wasch- und Putzzwänge sowie Kontroll-, Ordnungs- oder auch Zählzwänge. Meist achteten die Kinder oder Jugendlichen beharrlich auf die genaue Durchführung der Zwangsrituale und litten darunter – im Gegensatz zu harmlosen Wiederholungsspielen oder rituellen Angewohnheiten, die mit der Zeit von alleine verschwänden.

Manche Kinder reagierten mit Zwangssymptomen auf Überforderungen und Überlastungen. Andere brächten so möglicherweise ein unzureichendes Sicherheitsgefühl zum Ausdruck oder bewältigten Angst auf diese Art und Weise. „Es ist ein gehöriges Maß an Kompetenz, Geduld, und Kreativität erforderlich, um die Betroffenen nachhaltig zu behandeln“, so der Kinder- und Jugendpsychiater. Vor allem sei ein therapeutisches Bündnis notwendig, bei dem ein Netzwerk an Helfern und Unterstützern an einem Strang ziehe.

Bei einer Zwangserkrankung gehe es nicht nur dem Betroffenen schlecht, häufig leide die ganze Familie. Menschen, die unter einem Zwang litten, bänden oftmals die Umgebung mit ein und forderten sie extrem heraus. Wenn sich der Zwang bei dem Patienten etabliere, sinke zwar bei dem Betroffenen die Angst, doch damit steige gleichzeitig der Druck auf die Umgebung. Um den Kindern und Jugendlichen zu helfen, müsse auch die Familie und das soziale Umfeld mit einbezogen werden, so Wildermuth. Oft hätten beispielsweise die Eltern Verhaltensweisen, die die Krankheit unterstützen und begünstigen. Häufig seien sie perfektionistisch oder einengend, teilweise auch selbst behandlungsbedürftig.

Auf der anderen Seite des Spektrums ‚Zwang‘, so Wildermuth, gebe es desorganisierte Familiensysteme. Hier erlebten die Kinder und Jugendlichen ausgeprägte Hilflosigkeit oder Ohnmacht und erführen weder Halt noch Begleitung. Dadurch könne eine Entgrenzung entstehen, das heißt die jungen Menschen entwickeln Schwierigkeiten, die eigenen Grenzen oder die der anderen wahrzunehmen und zu respektieren. Nicht selten resultiere daraus ein Verhalten mit zum Teil provokativem Charakter, das andere, aber auch die Betroffenen selbst gefährde. „Diese Verhaltensmuster stellen uns vor die Frage, wie den ungebändigten Kräften von Fremd- und Selbstzerstörung Einhalt geboten werden kann“, sagt Wildermuth, „in welchem Rahmen können wir Ansätze zur Bewältigung und zur Selbststeuerung entwickeln?“ Diese Thematik sei durch das seit August 2017 geltende Psychisch-Kranken-Hilfegesetz in Hessen in ein neues Stadium getreten. Darin werde unter anderem neu geregelt, wie mit freiheitseinschränkenden Maßnahmen, zum Beispiel einer geschlossenen Unterbringung umzugehen sei. Es gelte kritisch zu diskutieren, ob eine solche Zwangsmaßnahme als überbrückender Schritt den Patienten soweit stabilisiere, dass er sich anschließend aus eigenem Antrieb seiner Problematik stellt und mitarbeitet.

Mit der Veranstaltung eröffnete sich ein Raum für diese komplexe Problematik: Durch die Vorträge von Klinikmitarbeitern und den fachlichen Diskussionen in Arbeitsgruppen wurden  Verständnis und angemessenes Handeln sowohl im engeren therapeutischen Kontext als auch in der systemischen Zusammenarbeit angeregt und vertieft.