Sie befinden sich auf: >Einrichtungen >Kinder-/Jugendpsychiatrie > Krankheitsbilder

Schulabsentismus (Schulangst, -phobie oder Schulverweigerung)

Nach aktuellen Zahlen sind etwa 5% aller Schüler in Deutschland vom Problem des Schulabsentismus betroffen.

Die Ursachen sind in der Regel vielschichtig und können mit der seelischen Verfassung des Kindes oder seiner Eltern, den familiären Interaktionsmustern, dem Umfeld des betroffenen Schülers oder mit Aspekten der Unterrichtssituation zusammenhängen. Oft greifen auch mehrere Ebenen ineinander.

Charakteristischerweise verweigern Kinder oder Jugendliche den Schulbesuch entweder sofort zu Hause, oder sie scheinen zur Schule zu gehen, kehren aber wieder um und gehen nach Hause (anders die Schulschwänzer). Einige Kinder zeigen eindeutig, dass sie sich geängstigt fühlen, wenn sie das Haus verlassen müssen, bei anderen kann sich die Schulverweigerung auch hinter körperlicher Beschwerden verstecken, ohne das die Befürchtungen offen nach außen getragen werden (Kopfschmerzen, Bauchweh, allgemeine Schwäche und Übelkeit oder Herzklopfen). Versuche der Eltern, ihr widerstrebendes Kind doch noch zum Schulbesuch zu bewegen, werden meistens mit Tränen, Wutausbrüchen, Klagen und körperlichem Widerstand beantwortet.

Es gibt drei Häufigkeitsgipfel:

-zu Schulbeginn,
-mit dem Übergang in die weiterführende Schule (also im 11./12. Lebensjahr) und
-im späteren Jugendalter.

Jungen sind häufiger betroffen als Mädchen. Keine bestimmten sozioökonomischen Gruppen scheinen besonders anfällig. Allerdings gibt es Unterschiede hinsichtlich der Schultypen: in Haupt- und Förderschulen finden wir die meisten, an Gymnasien die wenigsten Schulverweigerer.

Schulabsentismus als Phänomen stellt keine eigenständige psychiatrische Diagnose dar. In der Fachwelt hat sich die Unterscheidung in drei Formen je nach Ursache etabliert: Schulangst, Schulphobie und Schulvermeidung im Sinne von Schwänzen des Unterrichts.

Der Schulangst liegt eine Trennungsangst auf Seiten des Kindes und der Eltern zugrunde, die sich meist schon vor dem Schuleintritt andeutet. Sie kann auf einer übermäßig engen Bindung zwischen Kind und Eltern basieren oder auch von einer großen Sorge des Kindes um Vater oder Mutter genährt werden, z.B. wenn ein Elternteil erkrankt ist oder anderweitig bedroht zu sein scheint.

Die Schulphobie wiederum umfasst alle Befürchtungen und Ängste auf Seiten des Kindes oder Jugendlichen, die mit der Schulsituation assoziiert sind (Angst vor Bewertung, Leistungsversagen, Blamage, Anfeindungen der Mitschüler, vor bestimmten Lehrpersonen oder Fächern etc.). Diese können diffus oder konkret sein, begründet oder auch irrational anmuten.

Bei der Schulvermeidung (im Sinne des Schwänzens) stehen für die Heranwachsenden attraktivere Alternativen zum Schulbesuch im Vordergrund. Weil der Schulbesuch mit starken Unlustgefühlen verknüpft ist, entscheiden sie sich dafür, allein oder in der Clique an anderen Orten zu „chillen“, zu streunen oder auch kriminelle Handlungen zu begehen. Kern des Problems ist hier die mangelnde Anpassung an soziale Normen und weniger die emotionale Störung.

Mischformen dieser drei Klassifizierungen treten häufig auf. Wenn pädagogische Maßnahmen nicht greifen und eine Chronifizierung droht, ist in jedem Fall eine kinder- und jugendspychiatrische Diagnostik einzuleiten. Zusammen mit der betroffenen Familie, der Schule und ggf. auch der Jugendhilfe erkunden wir mögliche Ursachen, beraten die Sorgeberechtigten und erstellen einen Therapieplan. Falls ambulante Hilfen nicht ausreichen, empfehlen wir – möglichst zeitnah – eine stationäre Behandlung zu beginnen.

Parallel zur Therapie der zugrunde liegenden Störung ist die rasche Reintegration in den Schulbetrieb zentrales Ziel der Therapie: wir entwickeln stets ein individuelles, abgestuftes Modell für die Beschulung (Klinikschule - externer Schulbesuch - Stammschule), das auch Krisen und Rückschritte berücksichtigt. Bei starken Ängsten oder begleitenden depressiven Symptomen kann eine ergänzende medikamentöse Unterstützung sinnvoll sein.